Die Strohberta wird in Trebgast seit Jahrhunderten gepflegt und ist tief im kulturellen Gedächtnis des Ortes verwurzelt. Zwar existieren schriftliche Belege erst seit rund 90 Jahren, doch die Wurzeln reichen deutlich weiter zurück: Schon im 16. Jahrhundert sind in Mitteleuropa Strohbären, Strohfrauen und andere verkleidete Gestalten belegt, die in der dunklen Jahreszeit zwischen Aberglauben, Fruchtbarkeitsriten und Jahreswechselbräuchen durch die Dörfer zogen. Die Trebgaster Strohberta steht damit in einer langen Reihe vorchristlicher Winterbräuche – doch ihre heutige Form, am 24. Dezember, ist einzigartig und wird ausschließlich in Trebgast fortgeführt.
Recherchen des Bayerischen Rundfunks bestätigen, dass der Brauch in Oberfranken nur noch hier besteht. In den umliegenden Orten – etwa Neuenmarkt, Harsdorf oder Ködnitz – wurde die Tradition während der NS-Zeit untersagt und später nicht wieder aufgenommen. Dadurch besitzt Trebgast heute eine kulturelle Besonderheit, die weit über die Region hinausreicht: In dieser Ganzheitlichkeit ist der Brauch vermutlich einmalig in ganz Bayern und möglicherweise sogar deutschlandweit.
Ein lebendiger Schatz der Dorfgeschichte
Die Strohberta ist mehr als ein Winterbrauch – sie ist ein identitätsstiftendes Element der Dorfgemeinschaft. Seit mindestens dem 19. Jahrhundert zieht am Heiligabend die zehnköpfige Gruppe durch den Ort, wünscht „frohe Weihnacht“ und „ein gesundes neues Jahr“ und sammelt Spenden für gemeinnützige Zwecke. Dass die Figur der Strohberta ursprünglich das alte Jahr symbolisiert, das vom Treiber „hinausgetrieben“ wird, zeigt den heidnischen Ursprung des Brauchs. Dennoch ist seine feste Verankerung am 24. Dezember ein charakteristisches Merkmal der Trebgaster Tradition und verweist auf Entstehungszeiten vor Einführung des heutigen Kalendersystems.
Viele Trebgaster erinnern sich an die Strohberta aus ihrer Kindheit – erst als Furcht einflößende Erscheinung, später als stolzes Erbe des Dorfes. Der Übergang vom Zuschauer zum Mitwirkenden stärkt die Bindung an die eigene Heimat: Seit jeher besteht die Gruppe aus zehn unverheirateten jungen Männern des Ortes, die die wichtigsten Figuren einer historischen Dorfgemeinschaft verkörpern – vom Christkind über den Schlotfeger bis hin zur schwersten Rolle, der Strohberta selbst, deren Strohgewand rund 40 Pfund wiegt.
Gemeinschaft, Begegnung und gelebte Tradition
Der Besuch der Strohberta schafft Begegnungen, die im Alltag oft fehlen. Die Gruppe zieht durch alle Straßen, besucht jedes Haus und bringt Segen, Freude und Gemeinschaft in die Familien. Für ältere Einwohner ist der Besuch ein emotionaler Moment, für Kinder eine Mischung aus Spannung und Faszination. Und für die jungen Männer, die Wochen an Vorbereitung und einen ganzen Tag voller körperlicher Anstrengung auf sich nehmen, entsteht ein Erlebnis, das sie als Gruppe prägt.
So bleibt die Strohberta für Trebgast nicht nur ein überliefertes Relikt, sondern ein lebendiger Ausdruck von Zusammenhalt, Identität und kulturellem Stolz. Der Heiligabend wird hier nicht nur als stiller Feiertag begangen, sondern als Tag, an dem das Dorf seine Geschichte fortschreibt – gemeinsam, bewusst und mit Freude an einer Tradition, die ihre Bedeutung weit über die Gegenwart hinaus trägt.